**Verflixtes Törtchen Business**

Dies ist ein Thema welches mich schon seit mehreren Jahren begleitet und immer wieder Thema wird wenn wir Infoveranstaltungen, Workshops geben und Vorträge halten. Immer wieder werde ich folgendes gefragt: „Wie starte ich mein eigenes Torten Business und benötige ich dazu einen Konditormeister?“ Meine spontane Antwort, welche meist Unverständnis und verdutzte Gesichter hervorruft ist folgende: „Im nächsten Leben werde ich Wurstverkäuferin oder einfach nur Köchin!“ Warum? In der Gastronomie ist es anscheinden völlig egal wer da hinter dem Herd steht, man benötigt keinen Meisterbrief! Zuständig ist die IHK und nicht die HWK!!! Ich könnte also herzhafte Leberwurst Cupcakes und Torten anbieten, quasi kochen und schon sind alle Meisterzwänge dahin? 

Die Antwort ist doch etwas länger als die meisten für möglich halten, denn die Gesetzgebung in unserem Business ist wirklich sehr schwammig und außerdem manchmal auch unverständlich.
Seit langem tobt ein regelrechter Kampf zwischen den Handwerkskammern und den Tortendesignern aber auch den Handwerksmeistern, welche in der neuen Tortenszene eine Art Bedrohung und eben eine sehr große Konkurrenz sehen. Hier könnt Ihr alles genau nachlesen Selbstständig mit einer Bäckerei und Selbstständig mit Café

Welche Ausbildung benötige ich?
Für die Herstellung von Backwaren, Torten, Gebäck etc. benötigt man hier in Deutschland einen Konditormeister! Es reicht keine normale Bäcker- oder Konditorausbildung. Ein Handwerksmeister ist zwingend notwendig! Wer ohne Meistertitel Torten verkauft, gilt laut Schwarzarbeitsbekämpfungsgesetz als Schwarzarbeiter unabhängig davon, ob er beim Finanzamt gemeldet ist und seine Steuern zahlt oder nicht.
Ausnahmen: Folgende Geschäfte fallen von vornherein NICHT unter die Meisterpflicht: das Verkaufen von Motivtorten-Zubehör per Shop oder Ladengeschäft, Kurse geben (dies gilt als „unterrichtende/ lehrende Tätigkeit“ und nicht als Handwerk) und das Verkaufen von Torten im eigenen Café für den reinen Verzehr im Hause (dies fällt unter „Gastronomie“ und die zuständige Kammer ist hier die IHK, nicht die HWK – somit ist auch kein Eintrag in die Handwerksrolle nötig). ACHTUNG: Beim “Außer Haus Verkauf” von Motivtorten und Backerzeugnissen benötigt man wieder einen Meister!!! Dies wissen etliche Cafébetreiber nicht und erschrecken dann wenn sie von der Handwerkskammer Post bekommen!

Wie gehe ich nun vor?
Ich empfehle die kostenfreien Beratungen bei der Handwerkskammer in Deiner Stadt, dort kannst Du Dein Geschäftsmodell vorstellen. Du bekommst wertvolle Tipps und Informationen. Die HWK grenzt nun erst einmal ab, in Handwerksberufe mit Meisterpflicht, zulassungsfreie Handwerksberufe und handwerksähnliche Betriebe. Wenn Du vorhaben solltest ein Café zu eröffnen dann musst Du Dich an die Industrie- und Handelskammer wenden, dort bekommst Du ebenfalls alle Informationen kostenfrei. Es gibt Sonderzulassungen und besondere Ausnahmen.

Was muss ich alles beachten?
Produktionsraum oder eigenes Café anmieten? Die Suche nach einer passenden und bezahlbaren Location oder nach einem reinem Produktionsraum gestaltet sich oft schwerer als gedacht, wenn dann die passende Räumlichkeit gefunden ist, sollte auf jeden Fall ein gewisses Budget für den Start vorhanden sein. (Mietkaution, Einrichtung, Bestellung der ersten Ware, Versicherungen, Rücklagen für die ersten Mietzahlungen)IMG_0690

Finanzierung „Ein Banker ist jemand, der bei Sonnenschein einen Regenschirm verleiht und ihn bei Regen wiederhaben will.“ Mark Twain (1835-1910)
Gerade in der Gastronomie oder eben im Törtchenbusiness rollen viele Kreditinstitute mit allen Augen die sie haben, denn diese Branche ist eine der unsichersten überhaupt. Um einen guten und professionellen Businessplan mit ausgeklügeltem Finanzierungsplan kommt man an dieser Stelle nicht vorbei! Es gibt weitere Anlaufstellen für kleine Mikrodarlehen, zum Beispiel die Sächsische Aufbaubank oder die kfw Bank. Dort ist es sinnvoll vorher einen Beratungstermin zu vereinbaren. Natürlich kann man auch zu seiner Hausbank gehen. Nicht zu vergessen ist das zu benötigende Eigenkapital. Ich empfehle Euch für Eure Pläne und Ziele immer etwas zurück zulegen! Falls Ihr eine besonders ausgefallene Idee habt ist auch Growdfunding eine Variante um an die benötigten Mittel für Euer Projekt zu kommen zum Beispiel Seedmatch Crowdfunding. So manche Erfolggeschichte wurde durch Crowdfunding finanziert.

Hygiene und das Gesundheitsamt
Falls Ihr schon einmal in der Gastronomie tätig gewesen seid, wisst Ihr um die gefühlten 1000 Hygienevorschriften und diese sind zwingend zu beachten, die Räumlichkeiten müssen vom Gesundheitsamt abgenommen werden. Es folgen regelmäßige strenge Kontrollen und ein Gesundheitsausweis ist zwingend erforderlich. Diesen gibt es beim Gesundheitsamt und die Kosten liegen je nach Stadt bei ca. 20-50 €. Nur mit diesem Gesundheitsausweis seid Ihr befugt Lebensmittel zu verkaufen oder zu produzieren. Das irre ist ja das dieser Ausweis ein Leben lang gültig ist ohne weitere Gesundheitskontrollen, diese Tatsache werde ich wohl nie verstehen. IMG_6413-2

Kennzeichnungen der Lebensmittel
Alle Allergene und Zusatzstoffe müssen ausführlich gekennzeichnet werden, bei verpackten Lebensmitteln kommen dann noch andere Vorschriften dazu, wie zum Beispiel der Herstellungsort, das MHD sowie das exakte Gewicht. Übersichten gibt es online Merkblatt Zusatzstoffe. Du musst also alle Deine Produkte vollständig beschriften, da ist man dann schon  mal eine schicke Stunde beschäftigt und bei täglich wechselnden Produkten, macht dies „richtig Laune“.

Finanzamt
Das Finanzamt wird auf Dich aufmerksam sobald Du Dein Gewerbe anmeldest, es folgen also Steuererklärungen sowie Vorauszahlungen der Einkommens- und Umsatzsteuer. Dies ist aber ein abendfüllendes Thema für sich, denn dort kann es Dich richtig erwischen, auch noch Jahre später. Also empfehle ich Dir einen sehr guten Steuerberater, ACHTUNG es gibt auch einige schwarze Schafe, dort also gern auf Tipps und Empfehlungen anderer erfolgreicher Unternehmer hören! Beachte auch die Vereinfachungen für Kleinunternehmer, denn die Kleinunternehmerregelung erleichtert die Buchführung und den Umgang mit der Umsatzsteuer. Um Kosten einzusparen ist es sowieso sinnvoll sich ausführlich mit Buchungsprogrammen auseinanderzusetzen. Viel Spaß!

Buchführung Natürlich benötigst Du kaufmännische Grundkenntnisse um Deine Buchhaltung selber zu führen, Rechnungen sind zu schreiben, Bankgeschäfte zu tätigen und auch mit dem Mahnwesen musst Du Dich auseinandersetzen. Die Vorbereitungen für den Steuerberater müssen trotzdem richtig und vollständig sein, sonst wird nachberechnet und dies wird natürlich dann wieder teuer.

Krankenkasse- „Lieblingsthema für alle Selbstständigen“  Wenn Du nun hauptberuflich selbstständig bist musst Du Dich natürlich selber versichern. Deine Krankenkasse berät Dich dazu liebend gern. Nicht erschrecken wenn Du zum ersten Mal den Beitragssatz erfährst! Es gibt auch Sondertarife speziell für Existenzgründer, meist musst Du aber um in den Genuss dieser Rabatte zu kommen, auch die Unterstützung vom Arbeitsamt bekommen aber wer bekommt diese denn überhaupt? Meist Existenzgründer welche sich sowieso nur 1-2 Jahre am Markt halten und dann wieder Gast beim Amt sind, sorry für die Befangenheit bei diesem Thema aber viele Beispiele in meinem näheren Umfeld haben dies bestätigt. Ich zum Beispiel habe von niemandem Unterstützung erhalten, ich sollte doch gefälligst in meinem erlernten Beruf wieder arbeiten gehen, da gäbe es genügend Jobs!!! WHAAAT?? Außerdem war meine Geschäftsidee auch noch zu ausgefallen und konnte in kein Geschäftsfeld eingeordnet werden. 👹🙀Oh wie schlimm, ich war also zu kreativ und anders, ist ja klar das sowas nicht gut gehen kann???? Bescheuert! 4 Jahre bin ich nun am Markt und habe mich von diesen Beamtenstoppern nicht aufhalten lassen und das solltet Ihr auch nicht, egal wie schief Euch jemand wegen Eurer Idee anschaut!!!!!!

Andere Versicherungen natürlich ist es ratsam noch weitere Versicherungen abzuschließen, zum Beispiel eine Betriebshaftpflicht sowie eine private Rentenvorsorge. Denn sobald Du krank wirst bist Du auf Dich selber angewiesen, es kommen keine Einnahmen rein und dies solltest Du nie vergessen.

Personal                                                                                                                                                                                             Falls Du nicht vorhaben solltest Montag bis Sonntag arbeiten zu gehen um Einkauf, Produktion, Reinigung, Verkauf, Marketing und natürlich Buchführung alleine zu bewältigen, dann solltest Du Dich rechtzeitig um Personal bemühen. Die erste Variante funktioniert, habe ich nämlich die ersten Jahre auch geschafft, allerdings war ich kein richtiger Mensch mehr, sondern bin zuletzt nur noch als Back-Zombie, mehlbestäubt, mit Teig in den Haaren und an den Schuhen,  in der Metro herum geschlichen um die wöchentlichen Einkäufe kurz vor Ladenschluss noch in meinen überfüllten Einkaufswagen zu schmeißen, um dann viel zu spät noch offene Anfragen und dem Rechnungswesen zu widmen. Das Personal, falls Du überhaupt ordentliches finden kannst, musst Du offiziell anmelden. Ein Arbeitsvertrag mit Personalfragebogen sollte die Basis sein, danach kümmert sich die Personalabteilung Deines Lieblingssteuerbüros um die richtigen Abrechnungen. (welche natürlich auch wieder Kosten verursachen) Beachte auch das Dein Personal einen Gesundheitsausweis haben muss. Du musst damit rechnen Besuch vom Zoll zu bekommen, daher unbedingt die Stundennachweise der einzelnen Mitarbeiter ordnungsgemäß erstellen. Hier gibt es eine Übersicht mit allen Vorschriften zum Arbeitszeitnachweis Deiner Mitarbeiter. Arbeitszeitnachweis

„Der Unwissende hat Mut, der Wissende hat Angst.“ Alberto Moravia (1907-1990)

Kann man vom Törtchen-Business leben oder nur überleben?  Dies ist eine Frage die ich eigentlich ganz einfach beantworten kann aber anhand von Miss Feins Produktpalette kann man auch als Laie verstehen das man von süßen Törtchen alleine weder reich noch wirklich gut leben kann. Also warum mache ich denn trotzdem weiter? Weil mir dies schon von Anfang an klar war. Ich arbeite seit 1997 in der Gastronomie, habe mich ordentlich weitergebildet und noch einen Hotelbetriebswirt angehangen also weiß ich worauf man bei einer ordentlichen Kalkulation achten muss, kenne die Branche und kann auch die deutschen Kunden sehr gut einschätzen. Hier in Deutschland wird das „Kaffeetrinken“ noch zelebriert, man trinkt gern Kaffee und isst dazu ein gutes Stück Kuchen. Jawolllllll aber allerdings nur von 15-17Uhr!! Den Rest des Tages wird tatsächlich außschließlich herzhaft gegessen, dies ist in anderen Ländern komplett anders, zum Frühstück bereits ein süßes Teilchen in Frankreich, in England liebend gern Cupcakes als Dessert und in Amerika wird sowieso zu allen Gelegenheiten sehr süß gegessen. Besonders auffällig ist dies bei unseren Outdoor Einsätzen auf Messe und Stadtfesten, dort passiert dann bis 14 Uhr nicht viel aber dann geht es richtig los und bäääämmmm sind wir ausverkauft,  das ist auch gut so denn ab 17 Uhr werden die Schlangen am Bratwurst- oder Langosstand automatisch wieder länger. Völlig verständlich und wem das nicht bewusst ist, rennt mit den süßen Teilchen in sein Unglück. Hinzu kommt noch die geringe Wertschätzung für von Hand gefertigte und individuelle Torten und Kuchen ohne E-Stoffe und Zusatzstoffe. Viele vergleichen nur zu gern mit den Preisen von Fertigtorten großer Marken, allerdings nimmt das Verständnis von Jahr zu Jahr mehr zu.

Auch finde ich die Suchanfragen bei diversen Facebook Gruppen ganz schön traurig, wenn nach einer billigen Motivtorte gesucht wird. Sorry aber dann backt sie doch zu Hause einfach selber, im Internet gibt es 1000 Anleitungen und Videos. Mich stören sogar die schwarzarbeitenden „Home-Baker“ nicht, obwohl diese ja fein am Finanzamt und allen Vorschriften vorbei ihre Produkte verkaufen und auch noch bei diversen Plattformen davon berichten, dies scheint aber irgendwie oft gut zu gehen? Aber dieses Problem haben andere kreative Branchen auch, ich sage nur Hobbyfotografen, Tattookünstler, Baubranche und jetzt ganz neu auch Hobbyfloristen. Aber prinzipiell nehmen diese „Schwarzis“ uns ja keine Kunden weg, denn in diesem Preissegment kann und will sich ja kein Selbstständiger bewegen ohne draufzuzahlen, oder sehe ich das falsch? Bei mir ist dies definitiv so. Ein Selbstständiger kann nun mal keine Schnäppchenpreise anbieten, da schon alleine die eingekauften Produkte den gewünschten Kaufpreis deutlich überschreiten. Dann noch die Arbeitsstunden für Wareneinkauf, Backen und Herstellung, plus Nebenkosten für Strom und Miete und die Steuer noch dazu. Diese Posten zusammen stecken also im Tortenpreis, eigentlich ganz einfach zu verstehen oder?!

Aber ich habe mir schon lange abgewöhnt mir über die Gewohnheiten vieler Leute den Kopf zu zerbrechen. Beispiel gefällig? Bei Starbucks ist es anscheinend völlig ok 5,00 € für einen Moccha Coffee Caramel Split Frappuccino mit Sahne und Streuseln aber zuckerfrei to go zu zahlen nur um anschließend im Primark 10 Kleider für 20 € zu kaufen……..

Gott sei Dank gibt es auch viele Menschen die ordentliche Handarbeit, egal in welcher Branche zu schätzen wissen. Daaaaaaanke!!!! Miss Fein wird im Mai 2017 nun 5 Jahre alt und wichtig ist es jetzt am Ball zu bleiben und sich immer weiter zu entwickeln, nur nicht stehen bleiben. Jeden Monat gibt es Neuerungen und Trends, sicherlich muss man nicht alle Trends mitmachen aber man sollte diese zumindest kennen um sich am Markt behaupten zu können.

Zusammengefasst braucht man für eine erfolgreiche Existenzgründung und für die ersten Jahre folgendes: die richtige Einstellung, Fleiß und viel Ausdauer aber vor allem benötigt man jede Menge Liebe und Leidenschaft zu dem was man produziert, ohne dies funktioniert diese Branche nicht. Miss Fein war zum Beispiel seit der Gründung 2012 nicht mehr im Urlaub, wirklich freie Tage ohne Mailbeantwortung gibt es so gut wie nicht und das Privatleben kommt sowieso zu kurz. All dies muss man in Kauf nehmen um nur etwas erfolgreich zu sein, das ist leider auch in anderen Branchen so. Spätestens wenn Du diese Einschränkungen nicht möchtest dann backe lieber zu Hause in Deiner Freizeit, in Deinem bezahlten Urlaub oder an den Sonn- und Feiertagen.

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